Auf der Suche nach der eigenen Mitte (und ein kleines bisschen Kirchenkritik)

Ich bin eine von denen, die es einfach nicht lassen können, nach ihrer eigenen Mitte zu suchen, nach dem in mir, was mich lebendig macht und menschlich.
Ich bin eine von denen, die die Antworten auf ihre Fragen nicht in der Kirche finden kann. Warum?
Weil die Kirche das tut, was sie mir auf der Suche nach meiner Mitte vielleicht vorwirft: Sie kreist um sich selber.

Die Kirche redet ziemlich viel darüber, was eigentlich Kirche ist und was nicht, was dazu gehört, wie Kirche sein sollte, dass so vieles von Kirche nicht stimmt, was Kirche alles tun könnte und sollte, damit mehr Menschen Kirche sein wollen…
Die Kirche beschäftigt sich ziemlich viel mit sich selber.
Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Nichts gegen Selbstreflexion, im Gegenteil!
Aber die exzessive Beschäftigung der Kirche mit sich selbst enthält eine klare Botschaft an alle uns fragenden, spirituell ausgehungerten Menschenkinder - die wir schlicht auf der Suche nach uns selbst sind, nach unserer Mitte, nach einem Sinn, Erfüllung, nach echtem Lebendigsein:
Kirche ist nicht der Ort, wo ich all das finden kann, denn bei Kirche geht es vor allem um eins: Um Kirche.
Die Kirche dreht sich um sich selbst und hat die Mitte aus den Augen verloren, um die es eigentlich geht.
Klar, die Mitte der Kirche, das ist Christus, weiß man als theologisch versierter Mensch - aber das ist eine nichtssagende hohle Phrase, viel zu abstrakt, zu theologisch, zu intellektuell und lebensfern für uns spirituell suchende, ausgehungerte Menschenkinder.
Was soll das nur bedeuten?

Die Kirche und all die engagierten Christenmenschen haben oft nichts als Spott und Polemik übrig für uns ganz normale Menschenkinder, die wir auf der Suche nach unserer Mitte sind, unserem Kern, nach dem, was uns lebendig und zu Menschen macht.
Sie sagt, wir seien auf dem Selbstfindungstripp und kreisen um uns selber - homo incurvatus, der in sich selbst verkrümmte Mensch, hat Luther das genannt.
Aber schließt die Kirche, die so unendlich viel über sich selber redet, da nicht vielleicht ein kleines bisschen von sich auf andere?

Die Mitte, nach der wir suchen, ist nicht die, die uns narzisstisch macht, unverwundbar, erfolgreicher, perfekter, fitter, happier, more productive
Nicht die Mitte, mit der wir zu Göttern werden, sondern die Mitte, die uns zu echten Menschen macht. Ganz und gar lebendig, ganz und gar menschlich und das bedeutet - ob uns das gefällt oder nicht - vor allem eins: verletzlich.
Es bedeutet, dass wir die Liebe riskieren, wieder und wieder und wieder, dass wir uns an unseren Träumen festhalten und damit scheitern, dass wir wie Narren aussehen, dass wir den Mut haben, die Mitte unseres Leids zu berühren, ohne davon zu laufen, ohne innerlich zu verhärten, zu schrumpfen, uns in uns selbst zurückzuziehen, sondern dass wir stattdessen wieder aufstehen, uns lächerlich machen und noch mehr Liebe riskieren.
Das ist die Mitte, nach der wir suchen, die aus uns (ob Christenmenschen oder nicht) endlich echte Menschenkinder macht.

Und dann können wir allmählich auch wieder anfangen, von Christus zu reden, vom Gekreuzigten, vom Menschenkind in der Futterkrippe - der Inbegriff der Verletzlichkeit und das Göttlichste, was wir Menschen kennen können.
Mehr Gott als ganz Mensch geht nicht.

Ich bin eine von denen, die es einfach nicht lassen können, nach ihrer eigenen Mitte zu suchen, nach dem in mir, was mich lebendig macht und menschlich.