Familienalltag - die beste Schule für Lebenskunst

Ich bin der tiefsten Überzeugung, dass wir als Eltern durch unser Elternsein zu besseren Menschen werden können. Zu den Menschen, die wir wirklich sind und sein wollen. Es sieht manchmal nicht danach aus, aber mit der richtigen Einstellung und dem richtigen Handwerkszeug ist der Familienalltag mit Kindern das beste Selbstfindungsseminar, die beste Schule für Lebenskunst und persönliches Wachstum, die man sich nur ausdenken kann.

1. Die kleinen großen Meister der Lebenskunst

haben wir direkt vor unserer Nase sitzen und wir können von ihnen alles (wieder) lernen, was wir brauchen. Für die Gegenwart leben, die eigenen Bedürfnisse achten, ungebremst lebendig sein mit allem, was dazu gehört, hinfallen, weinen, weitertanzen, verletzlich, nackt und mutig sein, wieder wach werden für den Zauber, der im Kleinen und Normalen steckt… Die Liste ist endlos…

2. Alltagsliebe

Für gewöhnlich haben wir mit kleinen Kindern weniger Möglichkeiten, aus dem Alltag auszubrechen, wir haben weniger Möglichkeiten für Ablenkung, Zerstreuung, irgendwelche bombastischen Reisen oder teure Abenteuer in der großen weiten Welt, mit den großen interessanten Leuten. Wir werden zurückgeworfen auf das Kleine, das Normale, Langweilige, Tagtägliche, den Trott, die Hektik, das Nervige, Kleinliche, Belanglose. Wir werden langsamer, stiller, normaler und wacher für den Sinn und den Zauber, der mitten im Kleinlichen, Belanglosen steckt. Ich glaube, wenn wir wach und aufmerksam sind - und mit Hilfe der kleinen Lebenskünstler an unserer Seite - können wir aus dieser endlosen Reihe scheinbar belangloser Momente ein Leben voller Sinn, Erfüllung und Staunen kreieren - Tag für Tag und einen Moment nach dem anderen.

3. Unsere größte Liebe

Die Liebe zu unseren Kindern ist das Größte, Unfassbarste, Überwältigendste, das wir jemals erlebt haben, eine Liebe, die ungeahnte Kräfte frei setzt. Wie von selbst legen wir schlechte Gewohnheiten und alte Muster ab - was wir zuvor jahrelang durch gute Vorsätze und To-Do-Listen versucht haben, passiert aus Liebe zu unseren Kindern wie von selbst. Wie von Zauberhand kommt auf einmal unser bestes, verletzlichstes, liebevollstes, mutigstes Selbst zum Vorschein.

4. Unsere tiefsten Ängste

Aber (leider) nicht nur das: Leider kommt - genau deshalb, wegen dieser Liebe - auch der ganze andere Mist zum Vorschein. Wir werden mit unseren größten Ängsten konfrontiert, mit alten Mustern, alten Verletzungen, mit Situationen, in denen wir getriggert werden. In denen wir uns hilflos fühlen, rumschreien, die Nerven verlieren, in denen wir es nicht schaffen, achtsam zu sein und binnen von Sekunden zu unserem schlechtesten Selbst werden. Es ist schockierend! Und doch… ist es unsere großartigste Möglichkeit zum Wachstum, zur Transformation, zur Heilung.

5. Offen werden, weiter wachsen

Wie? Indem wir offen sind, die Grenzen und Herausforderungen als Lektionen zu betrachten. Als Einladung zu gelebter Liebe. Als Möglichkeit sanftmütig zu werden und unsere Herzen noch weiter zu öffnen. Als Möglichkeit weich zu werden und in den Fluss zu kommen, wo wir vielleicht im Laufe der Jahre hart und starr geworden sind. Als Möglichkeit, festgefahrene Einstellungen in Frage zu stellen und neu zu betrachten.

6. Scheitern lernen

… Und damit immer wieder zu scheitern, viele, viele Fehler zu machen, viele Rückschritte - es ist manchmal einfach zu hart, aus eingefahrenen Reaktionsmustern auszubrechen! Es gibt keine perfekten Eltern, sondern nur menschliche. Üben, unser Menschlichsein zu akzeptieren. Auch unser tägliches Scheitern wieder als Einladung betrachten, um einen liebevollen Umgang damit zu finden. Eine Möglichkeit, die Liebe statt den Perfektionismus zu wählen.

7. Selbstliebe üben

Unsere heilige Verpflichtung der Selbstliebe und Selbstfürsorge tritt spätestens jetzt auf die Tagesordnung. Ich bin der tiefsten Überzeugung, dass Selbstliebe die wichtigste Aufgabe ist, die wir als Eltern (und als Menschen!) überhaupt haben. Selbst wenn du anfangs nur ein Minimum an Selbstliebe in dir hast - deine Rolle als Vorbild ist zu wichtig, als dass du sie noch vernachlässigen könntest: so wie du dich behandelst, so wird sich später dein Kind behandeln, deine inneren Dialoge werden die deines Kindes werden.

8. Andersrum denken

Der Schlüssel zu all dem ist also genau die Umkehrung, von der ich die ganze Zeit rede: von innen nach außen erziehen, nicht von außen nach innen. Nicht das Außen bearbeiten und hoffen, dass sich das innen irgendwie gut anfühlt - sondern sich nach innen wenden und - mit einer Haltung offener Neugier und Dankbarkeit - schauen, was da so los ist. Konkret heißt das: Bei den Grenzen, an die unsere Kinder uns bringen, handelt es sich nicht um Erziehungsprobleme, etwas, was wir äußerlich “in den Griff” oder “unter unsere Kontrolle” bringen müssen, sondern sie weisen nach innen, auf uns selbst, und bieten uns eine Chance zur Transformation, zum persönlichen und spirituellen Wachstum. Die härteste und wichtigste Arbeit am Elternsein, ist die innere Arbeit an uns selbst.

Das ist der Schlüssel für jede gesunde Beziehung - achtsam mit den Filtern umzugehen, durch die wir uns selbst, unser Gegenüber, die Welt betrachten. Aber als Eltern ist das nochmal zusätzlich wichtig, weil wir da noch mehr dazu tendieren, das Problem zu outsourcen. Wir reden dann von Erziehungsproblemen - anstatt die Chance zur inneren Arbeit zu nutzen, suchen wir den Fehler bei unserem Kind. Was ganz schön absurd ist, wenn man mal so drüber nachdenkt… Ich glaube, dass das daran liegt, dass die meisten von uns einfach nicht wissen, wie diese innere Arbeit geht. Es ist schmerzhaft und macht uns Angst. Umstände bearbeiten, Erziehungstricks und Methoden zur schnellen Problemlösung anwenden, den Fehler beim Anderen suchen - damit fühlen wir uns wohler, das können wir besser. Die innere Arbeit braucht länger und sie führt uns unentwegt in unbekanntes Terrain, in die Verletzlichkeit und Unsicherheit - also auf geht’s! :)

Ich bin überzeugt, dass die Bereitschaft zu dieser inneren Arbeit, zum persönlichen Wachstum - ganz unabhängig von unseren individuellen Umständen - das Beste und Wichtigste ist, was wir unseren Kindern geben können: Wir sind präsenter, wir sind glücklicher - und erleben uns nicht als Opfer in unserem eigenen Leben, sondern als Gestalter. Wir sind gesünder - in einem ganzheitlichen Sinne. Wir sind mehr unser bestes Selbst, und weniger eine zerstreute, unzufriedene, erschöpfte Version - und das nicht nur in der Gegenwart, sondern auch sind wir in all dem wiederum ein Vorbild für unsere Kinder. Was auch wieder ein lustiges Paradox ist: Indem wir von unseren Kindern das lernen, was sie besser können als irgendjemand sonst auf der Welt - nämlich ganz da zu sein und dieses Dasein voll auszukosten - lernen wir es gleichzeitig auch für sie, indem sie es wiederum von uns lernen (bzw. nicht verlernen). Klar, oder?