Höre auf dein Herz

Hey,
herzlich willkommen bei Ganz Da. Diesen Text gibt es auch im Audioformat als Unchurching-Version, und wie immer gibt es dort am Ende eine wunderschöne Meditation, diesmal mit einer kleinen Übung eingebaut. Hör dir das sehr gerne an und ansonsten wünsche ich dir jetzt viel Spaß beim Lesen!

Was wollen wir? Ich meine, was wollen wir jenseits der ganzen üblichen Egogeschichten, also jenseits von materiellem Besitz, Erfolg, Ansehen, Ruhm, Macht usw.?
Wir wollen da sein, dabei sein, in diesem unserem Leben, unser Dasein voll auskosten und wirklich und echt dabei sein, ganz, als wir selbst, lebendig, ohne Vorbehalte. Ohne Rücksicht auf Verluste. Mit ganzem Herzen. Als ganze Menschen. Wir wollen, dass dieses Leben nicht an uns vorüber rauscht, während wir auf irgendetwas Großes warten oder auf etwas zu arbeiten, auf das vermeintlich Eigentliche, das irgendwann anfängt. Wir wollen unser Leben nicht damit verbringen, auf irgendeine Zukunft zu warten, die niemals eintrifft, weil sie wie der Horizont immer mitwandert, sondern wir wollen dabei sein, jetzt, während das Leben stattfindet, ganz und gar, ohne Vorbehalte.

Wir wollen aus vollem Herzen lebendig sein mit allem, was dazu gehört, mit der Traurigkeit, dem Schmerz, der Gefahr verletzt zu werden, wir wollen nicht selektiv leben, denn wenn wir die Traurigkeit abschneiden, stirbt auch die Freude, wenn wir die Unsicherheit ausschließen, stirbt die Lebendigkeit. Wir wollen aufs Ganze gehen, jetzt und hier, mitten drin in diesem Leben, in diesem Alltag - wie auch immer der gerade aussieht. Und als der Mensch, der wir sind, ganz genau so und mit allem, was wir gerade sind.

Wir waren das alle mal, oder? All in. Ganz da. Als Kinder waren wir alle mal ganz und gar lebendig, die größten Lebenskünstler, die man sich nur vorstellen kann, mit vollem Herzen dabei, mit diesen riesengroßen, strahlenden, weichen, verletzlichen Herzen, die wir einfach verschenkt haben, ohne Vorbehalte, ohne Vorsicht, ohne Rücksicht auf Verluste, einfach so, voller Lebendigkeit und Freude, mit allem was dazu gehört, mit der Traurigkeit, dem Schmerz, der Gefahr verletzt zu werden, wir sind immer aufs Ganze gegangen, wir waren immer mitten drin im Leben. Für uns gab es keine Fehler, sondern nur Erfahrungen, für uns gab es keine Garantien, sondern einfach nur Leben. Reines Leben, reine Energie, reine Liebe. Wir haben nicht für die Vergangenheit und nicht für die Zukunft gelebt, nicht für die Meinung anderer Leute, nicht für unser Ansehen und irgendetwas Äußeres, sondern wir waren immer voll und ganz da, in diesem Hier und Jetzt. Ganz präsent, ganz gegenwärtig, ganz und gar lebendig. Aus vollem Herzen verwirklicht und wirklich. In dieser Wirklichkeit.

So waren wir alle, da kommen wir alle her, so sind wir alle von Natur aus und dann ist es irgendwann passiert, im Laufe der Zeit, dass wir angefangen haben zu glauben, dass das nicht ausreicht. Dass wir nicht genug sind, nicht liebenswert, nicht genau richtig und wunderbar und wertvoll, genauso wie wir sind. Sondern, dass wir mehr brauchen, und mehr sein müssen, und dass dieses Mehr irgendwie im Außen liegt, außerhalb von uns selbst. Dass wir nicht schon wirklich sind, sondern dass wir uns erst noch irgendwie verwirklichen müssten und dass das irgendwo später passiert, woanders als jetzt gerade. Und dass wir irgendwo da draußen unser Glück finden würden, unseren Sinn, unsere Erfüllung.
Und wir haben angefangen unser Herz und unsere Lebendigkeit, unsere wahre Einzigartigkeit hinter dieser riesigen Mauer zu verstecken und nur so halb mitzuspielen. Wir haben angefangen, uns zurückzuhalten und vorsichtig zu sein. Zu kalkulieren, uns unsere Chancen auszurechnen, keine Überraschungen mehr zuzulassen. Uns nur häppchenweise zu zeigen, nur bruchstückhaft, nur die Seite von uns, die wir für angemessen und schön halten - und den Rest von uns lieber zu verstecken. Die unschöne Seite, die uncoole, verletzliche, verletzende Seite. Die menschliche Seite.

Wir lassen das Leben nur häppchenweise zu, wir geben uns sozusagen allergrößte Mühe, nur selektiv zu leben und dieses Leben in eine kontrollierbare Form zu bringen. Wir lassen das Leben nicht an uns ran, wir betäuben uns lieber und schneiden uns ab vom Leben und von der Liebe - es ist einfach zu hart, zu schmerzhaft. Wir betäuben uns und sind zerstreut und immer schon bei der nächsten Sache, beim nächsten Punkt auf unserer Liste, wir fühlen uns zugleich gelähmt und rastlos, und wir merken es nur nicht, weil es das ist, was alle machen.
Wir alle haben unser Herz, unsere Lebendigkeit, unsere Einzigartigkeit eingemauert und verstecken uns hinter dieser Fassade und das geht sozusagen in zwei Richtungen: Wir lassen das Leben nicht in uns rein und auch nicht aus uns raus, weil wir tief in uns diesen Glauben entwickelt haben, dass das Leben in uns und um uns herum, nicht gut genug ist, und dass wir das nicht einfach so zulassen dürfen, sondern dass wir das kontrollieren müssen, und wir richten uns ein in so einer Sicherheitszone, wir haben die Handbremse angezogen und versuchen, das Leben - und uns selbst - in eine angemessene kontrollierbare Form zu verfrachten. Und diese Mauer wächst immer weiter und weiter, diese Mauer aus Geschichten darüber, wer wir zu sein haben, oder meinen sein zu sollen. Wir mauern uns ein in Besitz, Erfolg, perfekt und happy sein, aber das ist bloß äußerlich, eine Fassade und hinter dieser Fassade fühlen wir uns leer und ausgebrannt und fragen uns, wann das echte Leben eigentlich anfängt und warum wir nicht glücklich sind in unseren perfekten Leben. Und natürlich macht es die Einsicht, dass wir eigentlich doch dankbar und glücklich sein müssten, überhaupt kein bisschen besser.

Und die Sache ist, wenn wir nicht aktiv damit beginnen, diese Mauer abzutragen, wird sie tagtäglich größer und größer, wir betäuben alle unsere echten Gefühle und unsere Lebendigkeit, wir können diese Stimme in uns, die Stimme unseres Herzens, unsere eigene Lebendigkeit, nicht mehr vernehmen, denn die Mauer ist zu dick geworden und die Quelle der Freude und der Liebe und Lebendigkeit und Kreativität, die in uns die ganze Zeit da ist und aus der wir kommen, kann schon lange nicht mehr zu uns durchsickern. Wir fühlen uns stumpf und leer, wir sind darauf angewiesen, unser Glück im Außen zu suchen, im Erfolg, im schicken Haus, in Beziehungen, aber selbst wenn wir uns noch so gelungene erfolgreiche Leben aufbauen, fühlen sie sich stumpf und leer an, das Glück ist immer nur temporär und wir sind so abhängig von diesem Außen, in dem wir die ganze Zeit nach etwas suchen, nach einem tieferen, echteren Gefühl von Erfüllung und Sinn und echtem Leben, das so viel tiefer geht, als ob wir gerade glücklich oder traurig sind, und dann wird die Mauer hin und wieder rissig und wir fühlen uns verletzlich und wir müssen diese Risse stopfen, durch noch mehr Erfolg, eine neue Beziehung, ein neues Haus, eine neue Diät, neue Therapie.
Und dann sitzen wir hinter dieser Mauer, hinter dieser perfekten Fassade und wundern uns, was bloß los ist mit uns. Warum wir immer noch nicht zufrieden sind, wo wir doch alles haben, was wir uns je gewünscht haben? Und dann - weil wir es ja garnicht anders kennen - setzen wir noch mehr Dinge auf unsere To-Do-Liste, die sowieso schon viel, viel zu voll ist, diese Liste, die wir immer und immer mit uns herumtragen, die wir in unserem Kopf wieder und wieder durchgehen, diese Liste aus all diesen endlosen Verpflichtungen und To-Do’s. Wir denken uns, wenn wir die erstmal losgeworden sind und abgearbeitet haben, dann können wir richtig leben, dann fängt das eigentliche Leben an. Und wir geben uns so viel Mühe und strengen uns wahnsinnig an, und wir leisten so unglaublich viel, um diesen Mangel in uns, an den wir irgendwie gelernt haben zu glauben, auszugleichen und wieder gut zu machen. Indem wir dann eben noch perfekter werden.

Und ich weiß, das klingt jetzt ein bisschen drastisch und hart und ist so eine kleine Horrorgeschichte, aber - ganz ehrlich - das ist das, was wir alle wirklich den ganzen Tag über machen - und wenn du ganz ehrlich bist, dann weißt du das auch.

Okay, und dann sitzen wir also hinter dieser Mauer und fühlen uns kein bisschen lebendig, sondern wir funktionieren bloß so vor uns hin und rennen irgendwelchen äußeren Dingen hinterher und hoffen darauf, dass wir eines Tages perfekt genug sind und dann sitzen wir in einem Meeting oder bei ’nem Vortrag oder auf ’ner Party oder allerbestes Beispiel: Eltern-Kind-Kurse, und dann treffen wir auf diese ganzen anderen Fassaden und denken uns: “Die sehen alle so perfekt aus, so intelligent und souverän und happy. Irgendwas stimmt mit mir nicht. Hoffentlich merkt es niemand, hoffentlich merken die anderen Götter nicht, dass ich nur ein ganz normaler Mensch bin.”
Und das Absurde ist: alle denken sich das, alle haben dieselbe Angst und alle tun so, als hätten sie sie nicht.

Und der Punkt ist, wenn wir wirklich wieder leben wollen, ganz lebendig sein, ganz und gar, aus vollem Herzen, als ganze Menschen, dann haben wir keine andere Möglichkeit, als dieses Versteckspiel sein zu lassen und diese Fassade, diese Masken abzunehmen und uns zu zeigen. So ängstlich und uncool und unangemessen, wie wir sind. Aber auch so unendlich schön und reich und kraftvoll, wie wir sind.
Und wenn wir das wirklich wollen, dieses ganze Leben, dann glaube ich, dass wir dafür im Grunde nur eine einzige Aufgabe haben, ich jedenfalls habe diese Aufgabe, nämlich mein Herz weiter und weiter zu öffnen, mein Herz immer noch weiter zu machen, diesen Ort, aus dem meine Liebe kommt. Diesen Ort in mir, der in Freundschaft ist, im Frieden, mit dem was ist. Im Lieben besser zu werden.
Und das bedeutet immer ein Wagnis. Ein Risiko. Es bedeutet immer, zwangsläufig dahin gehen zu müssen, wo die Angst ist, weil die Angst diese Mauer ist, die ich um mein Herz gebaut habe, die Angst will mich davon abhalten, mich zu verschenken.
Es bedeutet immer wieder Unsicherheit und den Sprung zu wagen und mich hingeben. Und ja, das ist dann teilweise etwas verstörend und es ist unbequem, und es kostet unglaublich viel Mut und unglaublich viel Mühe, aber wenn ich ganz ehrlich bin, dann weiß ich tief in mir, dass es die Wahrheit ist und dass nur mein Ego denkt, dass es nicht so ist.
Es ist anstrengend und aufregend, aber ganz ehrlich: Was ist die Alternative? Dieses Leben auf 50 % abzusitzen?!

An die Liebe glauben ist immer ein Wagnis. An die Liebe glauben bedeutet immer dahin zu gehen, wo die Angst ist und alte Ängste abzustreifen. Wie eine Zwiebel, eine Haut nach der anderen. Und das fühlt sich immer ein bisschen komisch an und der Kopf, bzw. das Ego hat immer genug Gründe die dagegen sprechen. Deshalb ist es ja auch ein Glaubensakt, ein Wagnis.

Ganz da zu sein erfordert Hingabe, ein ganzer Mensch zu werden ist ein Glaubensakt.

Wirklich Mensch werden und endlich damit aufhören, Gott sein zu wollen ist ein Glaubensakt (wenn das mal nicht eine schöne Zusammenfassung der christlichen Botschaft ist…)
Nichtglauben bedeutet Festhalten, Festbeißen und Selber machen. Worin wir alle so gut sind. Was unser Ding ist.
Glauben bedeutet Loslassen und Abgeben und wenn es auch nur für einen Atemzug ist.
Glauben wagen und Mensch werden bedeutet das, was wir am meisten wünschen, aber auch das, was wir am meisten fürchten. Wenn wir ganz und gar und aus vollem Herzen lebendig sind, dann bedeutet das eben auch, dass wir ganz und gar nackt und verletzlich dastehen und Hingabe lernen müssen. Das Ruder aus der Hand geben.

Und ich wünsche Dir und mir und uns allen von Herzen, dass wir diesen Glauben wagen können, nicht an fremde ferne Gottheiten, sondern einen echten Glauben, an unser eigenes Herz. Dass wir immer wieder neu den Mut finden, uns dem Leben hinzugeben, uns diesem Wagnis auszusetzen und dann bereit sind loszugehen, im Namen der Liebe. Lächerlich, verletzlich und voller Entschlossenheit.

Von Herzen,
Deine Anne

Mein Hingabe-Gebet

Gott, Liebe, Leben, ich bin bereit, mich dir ganz hinzugeben. Ich ergebe mich dem, dass ich nicht perfekt bin, dass ich Mensch bin, dass ich verletzen werde, dass ich verletzt werde. Dass ich Fehler mache und im Lieben so viel schlechter bin als ich es gerne wäre. Ich hinke mit meinem Handeln immer hinter der Liebe her, die ich in meinem Herzen habe. Ich ergebe mich der Liebe, die immer wieder behauptet, dass sie jeden einzelnen Verlust um ein unendlich-faches wert ist. Ich ergebe mich dem Leben, dass ich keine Kontrolle habe, der Unsicherheit, dass ich wirklich einfach nicht weiß. Ich habe nicht die geringste Ahnung. Ich ergebe mich dem, was mir das Leben und das Lieben abverlangt - ich kann nicht selektiv leben und lieben. Tod und Auferstehung gehören zusammen, so wie Verlust und Erneuerung. Es gibt nicht das Eine ohne das Andere. Ich bin bereit für das ganze Leben und die ganze Liebe. Ich bin ganz da, ich bin dabei, ich bin all in - koste es, was es wolle! Amen