Nochmal die Sache mit Gott

Wenn von Gott oder Glauben die Rede ist, dann denkt man dabei meistens an etwas Äußeres. Etwas, was man irgendwie tun muss. Eine Sache oder ein Produkt, von dem man irgendwie überzeugt sein muss, das man entweder hat oder nicht hat, das man sich durch bestimmte Glaubenssätze und Bekenntnisse aneignen kann oder das man sich durch ein bestimmtes moralisches Verhalten verdienen muss. Etwas, was man denken und verstehen muss oder was man tun, machen, leisten muss. Eine äußere, ferne, externe Gottheit.
Ich weiß garnicht genau, warum das so ist, warum man bei Gott immer an etwas Äußeres denkt. Dem man es irgendwie recht zu machen hat. Vielleicht, weil wir uns jahrhundertelang Geschichten vom strafenden, zürnenden Gott erzählt haben, und die Angst davor haben wir vielleicht geerbt, sie steckt uns noch in den Knochen. Aber vielleicht auch einfach, weil das unsere Art ist zu denken. Uns am Außen zu orientieren. Unsere Ängste, Sorgen und Sehnsüchte nach Außen zu projizieren, deshalb suchen wir dort auch nach unserem Gott.

Was ein bisschen komisch ist und ein bisschen schade, weil Gott so ungefähr das genaue Gegenteil davon ist. Jedenfalls in meiner Erfahrung. (Das bedeutet nicht, dass ich das nicht immer wieder vergesse, dass ich mich nicht immer wieder neu daran erinnern muss, dass Gott nicht außerhalb von mir ist, dass ich nicht getrennt von Gott bin, nie gewesen.)
Jedenfalls ist in meiner Erfahrung Gott als allererstes mal etwas, was in mir ist. Eigentlich ist es mehr in mir als irgendetwas anderes.
Dieses eine Leben, das ich, und so viele von uns, Gott nennen, verwirklicht sich in mir und durch mich - und wenn ich mich davon erst einmal ergreifen lasse, dann bleibt mir nichts zu tun als voll Freude zuzustimmen. Das Leben ist nicht um meinetwillen da, sondern ich bin um dieses Lebens willen da bin.
Es ist kein Zufall, dass in den meisten spirituellen Traditionen eine Grundpraxis darin besteht, sich auf den Atem zu konzentrieren. Der ein sehr realer, körperlicher Ausdruck ist von der Quelle des Lebens, die einfach in mir schon da ist. Und die einfach weiter macht, ob ich mitmache oder nicht. Ob ich ihr meine Aufmerksamkeit schenke oder nicht.

Unsere Beziehung zu Gott, zum Göttlichen, ist das Innerlichste, Persönlichste, was es auf der Welt gibt. Wenn das nicht so ist, wenn unsere Beziehung mit Gott nicht darin ihren Anfang nimmt, in uns selbst hinein zu hören - wo sollen wir dann denn hinhören? Wo soll das, was wir Gott nennen, denn dann sein, wenn nicht in unserem eigenen Herzen? Das bedeutet nicht, dass wir die Spur des Göttlichen nicht auch außerhalb von uns selbst wahrnehmen können, ganz im Gegenteil. Je mehr wir da sind, ganz, mit allem, was wir sind, mit allem, was ist, desto offener und wacher sind wir. Aber unsere Beziehung mit Gott, unser ganz da sein, beginnt damit, dass wir in irgendeiner Weise still werden und uns nach innen wenden.

Entgegen allem, was wir sonst so leben und denken in unserer Gesellschaft, meint die Rede von Gott und Glauben eine Umkehrung - uns eben nicht von außen nach innen zu orientieren, nicht im Außen zu suchen, nicht in unserem Tun und Machen und Leisten und nicht in unserem Denken und Verstehen, nicht das Außen zu verändern, die Umstände zu bearbeiten, dort draußen unser Glück und die Erfüllung unserer Bedürfnisse zu suchen, sondern sich nach innen zu wenden. Und dort zu finden.