Was ist spirituell?

Hi, herzlich willkommen, wie schön, dass du da bist!

Heute geht es um die Frage: Was ist eigentlich spirituell? Was bedeutet es, ein spirituelles Leben zu leben? Ist spirituell sein und an Gott glauben dasselbe?

Und wie immer kann ich da nur über mich sprechen, darüber, wie ich das sehe und erfahre, und ich will mich bemühen, das so genau und so ehrlich wie möglich zu tun. Übernimm davon, was für dich passend ist und wie immer freue ich mich über einen Austausch in den Kommentaren!
Also, legen wir los!

Spirituell

Als erstes habe ich dazu ein paar etwas nerdige Gedanken, nämlich zur Wortbedeutung von spirituell - aber du wirst gleich sehen, dass das sehr direkt was mit dir selbst zu tun hat.
‘Spirituell’ kommt vom lateinischen Wort spiritus und das bedeutet Geist - und auch Atem, was auch sehr interessant ist in diesem Zusammenhang…
Und im Englischen heißt es auch genauso - spirit.
Und wenn im Deutschen von Spiritualität die Rede ist, dann bezieht sich das erstmal ganz allgemein auf eine Transzendenz, also etwas, was jenseits dieser sichtbaren und materiellen Welt liegt, was aber trotzdem in dieser Welt eine Rolle spielt. Spirituell zu sein bedeutet dann in dem Sinne also, dass dem Sinnhaften, Unsichtbaren, Unfassbaren eine Bedeutung beigemessen wird, eine Bedeutung für unser Leben hier in dieser Welt und dass sozusagen das Geistige dem Materiellen vorgeordnet oder übergeordnet wird. Das bedeutet dann ganz konkret eine Orientierung von innen nach außen - anstatt wie sonst üblich von außen nach innen.
Also, während es normalerweise üblich ist, die Umstände, das Äußere, Materielle, Sichtbare zu bearbeiten, und in der äußeren, physischen Welt nach etwas zu suchen, um dadurch innerlich etwas zu bekommen, nämlich bestimmte Gefühle, wie Liebe, Glück, Erfüllung, Sinn, Wert, Zufriedenheit - weißt du als spiritueller Mensch, dass das auf Dauer nicht funktionieren kann, dass du damit zwangsläufig im Hamsterrad landest, weil nichts im Außen dir das geben kann, wonach du suchst, wenn du es nicht auch und zuerst in dir selbst findest. Das Geistige, der Spirit, geht dem Materiellen, Physischen voraus und darum orientierst du dich als spiritueller Mensch von innen nach außen, du suchst in dir nach der Quelle von Glück, Frieden und Liebe, die in dir ist - woraufhin dies sich in deinem Außen, in deinen Beziehungen, in deinem Handeln, in deiner Perspektive auf die Welt und damit in deinen Erfahrungen spiegelt.
Das heißt, spirituell zu sein bedeutet als allererstes Mal, sich nach innen zu wenden, und sich von innen nach außen zu orientieren.
Aber es geht noch einen Schritt weiter, denn dieser Geist, der Spirit ist ja nicht einfach nur das, was du denkst, sondern er bezieht sich auf etwas Göttliches. Jedenfalls ist das in der christlichen Spiritualität so, da bezieht sich das auf den heiligen, göttlichen Geist, den Holy Spirit, und man stellt sich das eben so vor, oder ist das so gedacht, dass Gott in jedem einzelnen Menschen ist, in jedem Lebewesen, in der Natur, in der gesamten Schöpfung, und zwar als göttlicher heiliger Geist, der überall und in allem ist. Jeder Mensch hat also in sich von Natur aus den Heiligen, Göttlichen Geist, ist also von Natur aus spirituell. Wir sind alles spirituelle Wesen.
“Wir sind nicht Menschen, die eine spirituelle Erfahrung machen, sondern spirituelle Wesen, die eine menschliche Erfahrung machen.” (Teilhard de Chardin).

Vor diesem Hintergrund ist es dann auch logisch, dass oft Spiritualität und Religion als Konkurrenz verstanden werden, denn, um spirituell zu sein, um also verbunden zu sein mit dem göttlichen, heiligen Spirit, und um sich dazu zu bekennen, braucht es nicht - nicht unbedingt jedenfalls - Religion. Weil jeder Mensch von Natur aus den göttlichen Geist in sich trägt und sozusagen eine Verkörperung des göttlichen Geistes ist. (Ich werde auf jeden Fall bald was zum Thema Religion vs. Spiritualität schreiben, aber jetzt an dieser Stelle führt das zu weit… Kommt aber bald - versprochen!)
Also, durch den Heiligen Geist, durch den Holy Spirit ist jeder Mensch mit Gott verbunden, trägt das Göttliche in sich selbst und darüber sind zugleich auch alle Menschen miteinander verbunden.

Inspiriert, begeistert, enthusiastisch

Und was jetzt an dieser Stelle echt interessant ist, ist, dass auch das Wort in-spiriert das Wort spirit enthält. Das ist dasselbe Wort und das kann man durchaus auch genau in diesem spirituellen Sinne verstehen.
Du weißt, wie es sich anfühlt, inspiriert zu sein. Es ist wie ein kleines Verliebtsein - und es ist dem natürlich auch total verwandt, wenn es nicht sogar dasselbe ist, denn in beiden Fällen er-innert uns irgendetwas bzw. jemand Äußeres an etwas, das in uns selbst ist.
Beim Verliebtsein wirst du an diese unermessliche Liebe und Freude und Tatkraft erinnert, die in dir ist und ebenso ist es, wenn du inspiriert bist. Du wirst an etwas in dir erinnert, an etwas, was dein Wesen, deinen Kern ausmacht.
Es ist dein Selbst, es bist du, wenn du ganz da bist, wenn du ganz du bist, präsent, wenn du nichts von dir zurück hältst aus Angst es sei unangemessen oder nicht gut genug, wenn du voller Leichtigkeit und Lachen und Liebe und Mitgefühl bist - du bist pure Lebendigkeit, pure Liebe, voller Begeisterung. Be-geistert und in-spiriert ist übrigens auch dasselbe Wort… Du bist be-geistert, wenn du angefüllt bist mit dem Heiligen Geist. Und es kommt noch besser: Enthusiastisch - vom griechischen en-theos, angefüllt mit Gott.
Aber von den Freuden des Sprachnerds mal abgesehen, der wichtige Punkt an dieser Stelle ist:
Du wirst, wenn Du inspiriert bist - und wenn du verliebt bist - an etwas in dir selbst erinnert, das ist so extrem wichtig. Es geht nicht so sehr um die Person, die die Inspiration in dir auslöst - und genau dasselbe gilt ja auch fürs Verliebtsein. Es ist ein Hinweis auf deinen eigenen göttlichen Kern, dein eigentliches Sein - zu dem du im Laufe der Jahre den Zugang verloren hast. Und jetzt wirst du daran erinnert und es ist wundervoll, das wissen wir alle, Verliebtsein, genauso wie inspiriert sein, das ist wie ein Aha-Erlebnis, denn du erkennst das Gefühl wieder, es ist viel, viel mehr, es geht viel, viel tiefer als eine bloße neue Information.
Es ist neu, es kommt in einer ganz neuen Form daher, aber es ist nicht nur neu, sondern es ist auch uralt. Es gehört zu dir, es hat schon immer zu dir gehört. Du hast es nur vergessen oder verlernt und auf einmal ist es wieder da und es fühlt sich an wie ein nach hause kommen - und das ist es auch. Du kommst nach hause, du kommst bei dir selbst an.
Deshalb sind Spiritualität und Selbstfindung oder Selbsterkenntnis oder Selbstverwirklichung auch nicht wirklich voneinander zu trennen. Es gibt in gewissem Sinne das Eine nicht ohne das Andere. Denn erst in dem Moment, in dem wir uns dem Heiligen Geist, dem Spirit, dem Göttlichen in uns und in unserem Leben öffnen, können wir wirklich sehen und wahrnehmen, wer wir in Wahrheit sind.
Manche Menschen nennen das das Höhere Selbst und meinem Verständnis nach ist das dasselbe wie der heilige, göttliche Geist in dir, der Holy Spirit.

Spirituell zu sein bedeutet dann also, das Göttliche, diesen göttlichen heiligen Spirit, anzuerkennen, in dir selbst vor allem und um dich herum, in den Menschen die dir begegnen, in deinem Umfeld, in deinem Leben. Wach zu sein für das Heilige, das den Moment, jeden Moment begleitet. Das Heilige, das Nur-Gute - es ist der Teil in Dir, der nur gut ist, nur Liebe, Lebendigkeit, Frieden, Kreativität. Dieses Heilige, Nur-Gute, das jeden Moment begleitet, anzuerkennen, das bedeutet, spirituell zu sein.

Und dies auch dann zu tun, wenn wir als Menschen so oft nicht aus diesem heiligen, göttlichen Geist der Liebe und des Lebens heraus handeln, sondern wenn wir in Angst und Bedürftigkeit und in unserem Opfermodus gefangen sind und handeln. Also, mich zu diesem göttlichen Anteil, zur Liebe in mir und in anderen zu bekennen und daran zu glauben, auch wenn ich ihn nicht immer sehen kann.

Glaube

Da kommt dann jetzt auch die Frage ins Spiel, ob spirituell sein und an Gott glauben dasselbe ist oder was der Unterschied zwischen Spiritualität und Glauben ist. Und da kann ich natürlich wieder nur sagen, wie ich das sehe und ich würde sagen, ja, es meint im Grunde genommen dasselbe, nämlich sich bekennen zur Göttlichkeit, zur Liebe, zum Lebendigen in mir und um mich herum. Ich bekenne mich dazu und bin bereit meine Augen und mein Herz und meinen Verstand dafür zu öffnen - auch wenn es vielleicht nicht das erste ist, was ich sehen kann. Für mich persönlich sind Spiritualität und Glauben also quasi dasselbe, obwohl ich finde, dass Glauben mehr die aktive Seite davon bezeichnet, also einen aktiven Schritt, während Spiritualität mehr die grundsätzliche Haltung betrifft.
Wenn ich sage “Ich bin spirituell.” dann sage ich damit, dass ich mich verbunden weiß mit dem göttlichen Spirit, dem göttlichen Geist in mir und um mich und in dieser Welt, dass ich mich zu diesem göttlichen Geist, zur Liebe, zum Lebendigsein, zum Nur-Guten bekenne. Aber nicht nur bekenne ich mich zur Liebe, nicht nur weiß ich mich mit ihr verbunden, sondern ich richte mein gesamtes Leben danach aus, ich bemühe mich, in der Liebe und als Ausdruck von Liebe zu leben, ihr zu folgen, ihr zu dienen, im Sinne der Liebe, im Sinne des Nur-Guten zu handeln in dieser Welt.
Und das ist für mich Glauben. Es ist das aktive Handeln im Sinne meiner Spiritualität, also im Sinne meiner Verbundenheit mit dem heiligen, göttlichen Spirit.
So wie ich persönlich das sehe und erfahre, gibt es Glauben also garnicht als Zustand, sondern nur als Akt, als Handlung, die ich tue, und die ich viel, viel, viel zu oft eben auch nicht tue. Es braucht so viel Mut dazu, und das ist eigentlich der Punkt, die Angst hört nicht auf. Die Tatsache, dass die Liebe und das Nur-Gute und das Göttliche und Heilige in dieser Welt und in mir selbst und um mich herum manchmal überhaupt kein bisschen sichtbar ist, das bedeutet, dass man damit nie fertig ist, mit dem Glauben, das ist nicht was, was man entweder hat oder nicht hat, sondern das ist wie Zähneputzen. Es braucht immer wieder unglaublich viel Mut dazu, es bedeutet immer wieder neu, sich auf das Unsichere einzulassen und den Sprung zu wagen. Glauben meint genau das, sich auf Unsicherheit einzulassen. Es bedeutet, dass ich mich an meinen göttlichen heiligen Geist halte - der für mich in meinem Herzen ist - und zwar auch wenn ich Angst habe. Auch wenn ich nicht genug Argumente habe um meinen Kopf zu überzeugen. Es ist ein Wagnis. Es ist nicht (nur) logisch, nicht (nur) realistisch, aber es ist sinn-voll. Auch wenn es bedeutet, dass ich diesen Sinn gerade noch nicht sehen kann und deshalb einen Sprung wagen muss und meine Kontrolle abgeben muss. Es gibt in diesem Glauben, in diesem Sich-Festhalten an der Liebe auch wenn die Liebe nicht sichtbar ist, deshalb auch immer nur Anfänger, und gleichzeitig bin ich auch fest davon überzeugt, dass man das üben kann. Ich schule meine Aufmerksamkeit für das Gute, für die Liebe, die in jedem Moment steckt und ich weiß, dass ich ein Teil dieses Nur-Guten bin, dass ich dazugehöre.

Ich sehe das Göttliche in dir und in mir und ich halte mich daran fest, ich vertraue darauf, dass es da ist, auch wenn ich es nicht immer sehen oder spüren kann - das ist (für mich zumindest) Glauben. Ich sehe deine Ganzheit, deine Schönheit, deine unendliche Kraft.

Übrigens besagt genau das der Gruß “Namasté” und auch die etwas weniger hippe Variante: “Grüß Gott!” Beides besagt: “Das Göttliche in mir grüßt das Göttliche in dir.”

In diesem Sinne also,

Grüß Gott und Namasté!

Deine Anne

P.S.: Was bedeutet für dich spirituell? Was heißt für dich Glauben? Was bedeutet das im Alltag? Ich freue mich so auf einen Austausch mit Dir in den Kommentaren und grüße Dich von Herzen!